IPCC-Bericht: Klimaschutz ist viel mehr als das 1,5-Grad-Ziel

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Der Weltklimarat hat diese Woche den zweiten Teil seines neuen Sachstandsberichts veröffentlicht; es geht dabei um Klimafolgen, Anpassung und Verwundbarkeit. Die klare Botschaft des Berichts: Wir müssen unsere Ökoysteme und die Artenvielfalt stärker schützen. Nur so haben wir eine Chance, die Risiken durch die Klimakrise zu einzudämmen.  

Über den neuen Bericht haben wir mit Professor Dr. Josef Settele, Biodiversitätsexperte vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, gesprochen. Er war leitender Autor früherer Berichte des Weltklimarats und hat 2019 als Ko-Vorsitzender den globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrats mit verfasst. Er sagt: Was der Biodiversität hilft, dient auch dem Klimaschutz – und damit auch uns.  

 

Der neue IPCC-Sachstandsbericht trägt auf über 3.000 Seiten den aktuellen Forschungsstand zusammen. Was lesen Sie an neuen Botschaften heraus? 

Josef Settele: Ich habe mir vor allem die Bereiche Biodiversität und Ökosysteme angeschaut. Dabei lese ich heraus, dass die Thematik Nature-based solutions (Anmerkung: Lösungen, die die Natur als Unterstützung und Inspiration mit einbeziehen) wichtig ist; ein großes Thema – und das wird es auch bleiben. Nature-based solutions sind nicht die komplette Lösung, aber eine ganz zentrale.  

Eine ganz wesentliche Aussage ist, dass wir den Klimawandel, den Schutz der Ökosysteme, die Biodiversität und soziale Faktoren gemeinsam denken müssen. Das geht bis hin zu Statements, dass man die lokalen Anliegen der indigenen Bevölkerung mehr berücksichtigen muss. Das Dilemma dabei: Lokales Wissen ist nicht ganz so handfest zu fixieren – im Sinne von westlicher Wissenschaft. Die IPCC-Berichte basieren ja sehr darauf, dass man alles mit wissenschaftlichen Fakten belegen kann. Das ist auch wichtig, aber anderes Wissen komplett auszugrenzen, ist einfach nicht angebracht.  

Um Dinge zu erreichen, ist der Einbezug der lokalen Bevölkerung elementar. Sonst funktioniert es nicht. Das ist ein Punkt, auf den wir uns mehr und mehr zu bewegen müssen. Auch wenn wir wissen, dass solche Prozesse dauern und wir im Grunde keine Zeit haben. Wir müssen uns aber die Zeit nehmen. 

 

Der Bericht unterstreicht, dass Klimaschutz und der Erhalt von Biodiversität ganz eng miteinander verknüpft sind. Wie kann man diese Zusammenhänge aus Ihrer Sicht gut darstellen? 

Josef Settele: Das kann man gut erläutern anhand des Themas Bestäubung. Ganz einfach dargestellt: Ohne Bestäubung gibt es kein Obst, ohne Obst keine Vitamine – und schon sieht es schlecht aus. So gibt es ganz viele Elemente in der Natur, die davon abhängig sind, dass Systeme funktionieren, und wir als Menschen sind Teil der Ökosysteme und der ganzen Abläufe.  

Diese Systeme funktionieren umso besser und sind umso anpassungsfähiger, je mehr Vielfalt ich in ihnen habe. Wenn ich eine große Vielfalt von Mitspielern habe, habe ich immer welche, die einspringen können, wenn irgendwas nicht mehr so gut funktioniert – also beispielsweise eine Art, die wärmeresistent ist oder besonders trockenheitsunempfindlich. 

 

Was bedeutet das für den Fortbestand unserer Wälder?  

Josef Settele: Im Bereich der Wälder heißt das: Gerade Monokulturen sind besonders anfällig, wenn für diese eine gepflanzte Baumart im Forst die Bedingungen schlechter werden. Wenn ich die Vielfalt der Arten aber entsprechend erhöhe, habe ich mehrere Optionen, wie sich die Dinge entwickeln können. Vielfalt lässt mehr Möglichkeiten für die Zukunft offen.  

Ein Mischwald hat mehr Vielfalt an Arten und damit mehr Möglichkeiten, verschiedenste Leistungen zu erbringen und angepasst für zukünftige Entwicklungen zu sein. Was ich ja eigentlich mache, wenn ich einen Mischwald anpflanze, ist ein kleines Experiment. Wir wissen bei Vielem nicht so weit in Voraus, wie es sich entwickelt. Wir wissen aber, welche Arten welche Eigenschaften haben; also nehme ich in Erwartung dessen, was kommt, die Mischung von Arten, die zurechtkommen könnten – und ein bisschen Puffer für Unerwartetes. Diversität ist ein ganz wichtiger Faktor, weil diese dazu beiträgt, dass aus dem Set von Arten plötzlich eine passfähig ist. Dahinter steckt eine Art Versicherungsgedanke. 

 

Im Bereich Klimaschutz haben wir das 1,5-Grad-Ziel, das wir anpeilen – auch wenn es schwer wird. Wird es nicht längst Zeit für ähnlich konkret formulierte Ziele im Bereich Biodiversität? 

Josef Settele: Das Klima ist ein vergleichsweise einfaches System – im Vergleich zu Biodiversität und Ökosystemen. Da gibt es klare Indikatoren wie die Temperaturänderung. Bei Biodiversität ist das einigermaßen schwierig. Was aber in dem aktuellen Bericht enthalten ist, ist die Forderung, 30 bis 50 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen. Das ist erstmals als Statement in einem Dokument enthalten, das alle Regierungen im IPCC mittragen – und das ist eine Zahl, bei der ich sagen würde, die könnten wir nehmen. 

 

Ist damit die Forderung verknüpft, dass sich der Mensch aus diesen Gebieten komplett zurückziehen sollte? 

Josef Settele: Wir haben ja im Prinzip fast nirgends diese reine Wildnis – wenn man Wildnis definiert als Landschaft ohne Mensch. Aus historischer Sicht waren Menschen eigentlich überall schon zugange. Wir müssen mehr und mehr dazu kommen, das Ganze viel integrativer zu betrachten – der Mensch ist Teil des Systems. Daher geht es darum, dass das System nicht vor dem Menschen geschützt werden soll, sondern vor der übermäßigen Ausbeutung. 30 Prozent Schutzflächen wird man auch nie erreichen können, wenn man reine Wildnis darunter verstehen würde. Dann hätten wir keine Flächen mehr zur Produktion von Nahrungsmitteln.   

 

Insgesamt zeichnet der IPCC-Bericht ein ziemlich düsteres Bild. Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung? 

Josef Settele: Ich sehe, wie Systeme sich anpassen können, wie sich Arten weiterentwickeln und wie sich Dinge unerwartet ändern; im Positiven wie im Negativen. Das heißt: Man muss immer für Überraschungen offen sein. Wir müssen uns aber dafür einsetzen, möglichst wenig von dem, was wir als Grauens-Szenarien oder Dystopien vor uns haben, Wirklichkeit werden zu lassen. Dann ist die Chance umso höher, dass uns eine lebenswerte Zukunft erhalten bleibt – sie wird aber anders sein.  

 

 

 

 

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